Zuckerhasen und Palmbuschen: Ein Abend voller Staunen und altem Wissen 🌿🐇

Wann hat man zuletzt einen Abend verbracht, nach dem man mit neuen Augen durch den eigenen Garten gegangen ist? Genau das passierte am 23. März 2026, als Martin Schechtl aus dem Kloster Gars am Inn den OVV Isen zu einem ungewöhnlichen Vortrag einlud: über Weiden, Palmbuschen und eine fast vergessene Handwerkskunst, nämlich die Zuckerhasen.
Fast zwei Stunden lang nahm uns Martin Schechtl mit auf eine Reise durch bayerisches Brauchtum, Ökologie, Handwerk und gelebte Gemeinschaft. Was dabei herauskam, war weit mehr als ein netter Vortrag. Es war eine Einladung zum Mitmachen.

Die Weide: viel mehr als ein Kätzchensträußchen

Die meisten von uns kennen die Weidenkätzchen vom Blumenstand oder als zarten Frühlingsgruß auf dem Fensterbrett. Was steckt wirklich dahinter? Ziemlich viel, wie sich herausstellte.
Die Salweide (Salix caprea) ist laut Martin Schechtl die „wertvollste” unter den Weiden, und das zu Recht: Sie blüht als eine der ersten Gehölze im Jahr und bietet damit zu einer Zeit Nektar und Pollen, wenn sonst noch fast nichts blüht. Über 200 Insekten- und Tierarten sind auf Weiden angewiesen, darunter mehr als 100 Schmetterlingsarten, über 60 Bienen- und Wildbienenarten sowie rund 30 Vogelarten. Wer eine Salweide im Garten hat, betreibt quasi ein Vollpensions-Hotel für die heimische Tierwelt.

Und noch etwas verblüffte das Publikum: Die Rindenextrakte der Salweide wirkten schon in der Volksmedizin schmerzlindernd, fiebersenkend und schweißtreibend. Aus diesen Wirkstoffen entstand einst das, was wir heute als Aspirin kennen. Die Weide heilt also nicht nur die Natur, sondern einst auch uns Menschen.

Weiden gibt es übrigens in erstaunlicher Vielfalt:

Korbweide, Korkenzieher-Weide, rosablühende Sorten wie „Mount Asuhorst” sowie mannshoch bis baumgroße Formen in rot-, gelb- oder grünstielig wachsenden Unterarten, als Pionier auf Brachflächen und Begleiter nasser Standorte. Früher hatte jeder Bauernhof seine Weiden, nicht nur als Brauchpflanze, sondern als Teil des ökologischen Gleichgewichts.

Der Palmbuschen: ein Kosmos für sich

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Palmsonntag ohne Palmbuschen? In Bayern undenkbar. Aber wie verschieden diese Buschen von Region zu Region aussehen, das war auch für manchen Isener eine Überraschung.
Martin Schechtl beschrieb den „Ur-Busch” als schlichtes Meisterwerk: Ein gerader Haselnussstecken, daran seitlich kleine Minibuschen gesteckt. Gerade Stecken zu finden war früher Ehrensache für die Buben, das Schnitzen eine der ersten Messerübungen. In Schwaben werden Buschen aus Dornenzweigen gebogen, in der Berchtesgadener und Salzburger Gegend türmen sich meterlange Prachtstücke mit bunten „Hexenleitern” aus gefärbten Strohhalmen, gefärbt mit Spinat, Zwiebeln, Schlüsselblumen und Schachtelhalm. Die Farben stehen für die Fülle des Lebens im Frühjahr, für Auferstehung und Freude.
In der Pfarrei Lengmoos basteln

Erstkommunionkinder ihre eigenen Buschen und stecken ein laminiertes Bildchen „Jesus auf dem Esel” hinein, erkennbar für die ganze Gemeinde und ein wunderbares Einüben des Brauchtums. In Niederbayern wiederum kommen Äpfel in den Buschen, die nach der Weihe gemeinsam gegessen werden. Ein kleines Fest für sich.
Materialien, die in einen Palmbuschen gehören, zeigen, wie klug die Volksweisheit war:
• Weidenkätzchen als zentrales Symbol des erwachenden Lebens
• Immergrüne wie Tanne, Fichte, Efeu, früher viel Buchs (heute durch den Buchsbaumzünsler stark dezimiert 😔), Stechpalme, Mahonie oder Scheinzypresse als Zeichen der Hoffnung
• Holunder-Stäbchen, kreuzförmig eingebunden und geschnitzt, zwischen Aberglaube, Schutzzeichen und Kinderübung
• Der frühere Buchs als Allgegenwärtiger im Brauchtum: sein Rückgang ist ein echter Verlust, auch für den Palmbuschen
Übrigens: Wer beim Umzug seinen Buschen fallen ließ, galt als „Palmesel”. Ein Schmähwort, das zeigt, wie ernst die Sache genommen wurde. 😄

Praktisch gedacht: Schneiden, Lagern, Basteln

Für alle, die nächstes Jahr ihren eigenen Palmbuschen binden wollen, hatte Martin Schechtl wertvolle Tipps im Gepäck:
• Rechtzeitig schneiden, denn bei früher Wärme kann das Zeitfenster schmal sein. Lieber zu früh als zu spät.
• Zweige in handliche Stücke teilen und in einem zugebundenen Plastiksack kühl und schattig lagern, so bleiben sie saftig bis Palmsonntag.
• Mäusesicher aufbewahren: Eine Anekdote aus dem Vortrag zeigte das sehr anschaulich. Ein eingelagerter Buschen wurde über Nacht komplett von einer Maus demontiert. Besser also hoch lagern, zum Beispiel auf dem Schrank.
• Für eine nachhaltige Alternative empfahl er die „Palmkrone”: kunstvoll geflochtene Kätzchen, die man jedes Jahr wieder verwenden kann. Nach Palmsonntag lohnt es sich, getrocknete Kätzchen vom Osterstrauch zu sammeln und für das nächste Jahr aufzuheben.


Die Zuckerhasen: ein Handwerk stirbt, doch lebt es fort

🐇🕯️Der zweite große Block des Abends gehörte den Zuckerhasen, und hier öffnete sich ein faszinierendes Kapitel fast vergessener Handwerkskunst.

Wie entstehen Zuckerhasen? Zucker und Wasser werden auf exakt 148 °C erhitzt, häufig rot gefärbt und mit Himbeeraroma versehen. Die erkalteten, dickwandigen Aluminiumformen werden hauchdünn mit Raps- oder Sonnenblumenöl ausgestrichen und eiskalt gehalten. Dann wird die heiße Zuckermasse eingegossen, kurz geschwenkt und ausgeschüttet. Es bleibt eine dünne Zuckerwand. Der richtige Moment zum Öffnen ist entscheidend: Zu früh und die Figur kollabiert, zu spät und sie bricht. Das sogenannte „Hasenblut”, also rote Zucker-Splitter, ist die traurige Folge. Im Team zu arbeiten war beim Zuckerhasen-Gießen immer Pflicht.

Die Formen sind ein eigenes Universum: Über 1.000 verschiedene Motive gibt es, von Osterhasen und Osterlämmern bis hin zu Hasen auf der Lokomotive, zwei Hasen auf einer Wippe auf einem Ei oder Hasen, die Eier stapeln. Kleine Formen wurden voll gegossen und auf Stäbchen gesteckt als „Schlotzer” (Lutscher) verkauft.

Warum kennt das heute kaum noch jemand? Nach dem Zweiten Weltkrieg verdrängten Schokoladehasen die Zuckerhasen fast vollständig. US-amerikanische Schokolade war leichter bekömmlich, einfachere Formen aus Weißblech oder Silikon taten ihr Übriges. Dabei haben die historischen, tief reliefierten Aluminiumformen für Schokolade einen entscheidenden Nachteil: Die Masse bleibt in den feinen Vertiefungen hängen und bricht beim Herauslösen.

Wachs statt Zucker: Martin Schechtls heutiges Handwerk

Was Martin Schechtl heute macht, dürfte bayernweit einmalig sein. Er gießt Wachshasen und Wachslämmer in historischen Zuckerformen, als hohle Abgüsse, zart und detailreich wie die Originale aus dem 19. Jahrhundert. Das Wachs stammt aus Kerzenresten aus Kirchen mit mindestens 10% Bienenwachsanteil, aufwändig gefiltert und verarbeitet als typische Winterarbeit im Kloster.

Bevorzugt entstehen weiße Abgüsse, die zum Symbol des Osterlamms passen, auf Wunsch auch farbig. Auf Märkten in der Region, unter anderem in Wasserburg und Lengmoos, sind diese kleinen Schätze erhältlich als Osterzeichen im Herrgottswinkel oder am Gedenkbild, zu Preisen zwischen etwa 1,50 und 5,00 Euro.

Ein Hinweis für alle, die einen ergattern: Die dünnste und empfindlichste Stelle ist die Unterseite. Bitte vorsichtig handhaben, nicht in die Sonne stellen und nicht ins Moos drücken. 😊


Ein Abend, der etwas hinterlässt
Martin Schechtl hat uns an diesem Märzabend etwas Seltenes geschenkt: Wissen, das lebt.

Keine trockene Botanik-Vorlesung, keine museumsreife Brauchtumspflege, sondern echte Leidenschaft für das, was uns mit unserer Region, unseren Jahreszeiten und unserer Geschichte verbindet.

Der OVV Isen dankt Martin Schechtl herzlich für diesen wunderbaren Abend. 🙏🌿

Wer mehr über seine Wachsabgüsse erfahren oder einen der nächsten Auftritte besuchen möchte, schreibt uns einfach. Wir leiten es gerne weiter.

Verantwortlich für den Inhalt

Thomas Hiemer
Altwegring 16

84424 Isen

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